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1 Thomas Reißberg
spirito GmbH
einige nichtige Anmerkungen und Fragen
02/12/2004, 10:42
Lieber Herr Müller-Prove,
liebes Forum,
mal ganz abgesehen davon, dass ich gerne wüßte, wer die einzelne Dame ist, von der Sie sprechen und die über die Macht verfügt, Sie zum Verfassen eines Newsletters zu bewegen, kann ich nur sagen: Sie haben das ganz wundervoll formuliert und es wird einem nicht nur aufgrund der Abschiedsformel ganz menschlich und weihnachtlich ums Herz ... Hochachtung!
Lassen Sie mich trotz meiner beschränkteren sprachlichen Mittel dennoch ein paar Anmerkungen versuchen: Ihr Begriff der Ganzheitlichkeit setzt mehr oder weniger unausgesprochen voraus, dass man bei der Entwicklung von Benutzerschnittstellen über einen ganzen Stab von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verfügt, die jeweils über eine spezielle Kompetenz verfügen und sich daher gegenseitig achten und natürlich jeden Hinweis des oder der Anderen immer gerne und konstruktiv aufnehmen. Das ist sicherlich bei Sun Microsystems so ...
... aber ich fürchte, dass viele Mitglieder dieses Forums nicht nur nicht über solch konstruktive Teams verfügen, sondern noch nicht einmal über bornierte, fachidiotische und völlig destruktive Teams, weil es sich um recht kleine Unternehmen (wie in unserem Fall) oder sogar Einzelpersonen (Freelancer, Ich-AGs und wie das alles heißt) handelt. Kurz gesagt: Sie stehen mehr oder weniger alleine da und müssen in Personalunion die vielen Gehirne ansprechen, von denen Sie – meiner Meinung nach: zu Recht – reden.
Um noch ein weiteres Problem zumindest anzureißen: Spätestens seit den siebziger/achtziger Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts wissen wir (eigentlich schon viel viel länger, aber dies hier ist ja nicht das Forum für Philosophiegeschichte), dass der Mensch zur Selbstreflexion in der Lage ist und daher auch selbst weiß, dass er auf den verschiedenen Ebenen ansprechbar und auch zu Handlungen fähig ist. Das gilt nicht nur für den Konsumentenmenschen (für den die Benutzerschnittstellen entwickelt werden), sondern auch für den Produzentenmenschen (der sie wiederum entwickelt). Witzig wäre es vielleicht, an dieser Stelle verschiedene Interfaces daraufhin zu untersuchen, ob bei der Entwicklung eher der Reptilienproduzent, der Säugetierproduzent oder der Denkerproduzent am Werke war ... aber das führt hier wohl zu weit.
Ich komme zum ersten Punkt zurück und möchte ein paar Fragen an Herrn Müller-Prove und auch an das ganze Forum richten:
- Wie soll, wer nicht über konstruktive Mitarbeiterstäbe und auch nicht über Budegets verfügt, um sich solche zu mieten, ganzheitlich vorgehen?
- Sind allgemeine Regeln denkbar, an denen man sich im Zweifelsfalle orientiern könnte oder führt das zwangsläufig zu solchen Debatten wie bei der Barrierefreiheit, nämlich dass am Ende die Idee so sehr zerredet wird, dass die ersten den Sinn anzweifeln (ich gehöre nicht zu dieser Gruppe, habe das aber schon mehrfach – hier in XING und anderswo – erlebt)? Oder kommen wir nicht drumherum, bei jedem Projekt jeden Punkt neu zu besprechen?
- Mal angenommen, wir produzieren in Teams mit Spezialisten: Wie heißen die Trümpfe beim Spiel um die richtige Schnittstelle? Anders ausgedrückt: Wer hat mehr Recht, wenn informationstechnische, ergonomische, sozialwissenschaftliche, pädagogische, juristische und noch viele weitere gute Argumente aufeinander treffen – vor allem, wenn alle davon überzeugt sind, sich am Menschen zu orientieren?
Hoppala, jetzt ist der Text wohl ganz schön lang geworden ... Naja: Der Denker in Ihrem Gehirn wird sicherlich in der Lage sein, alles Unwichtige herauszukochen ... ;-)
Ich wünsche ebenfalls einen schönen Advent! Thomas Reißberg
2 Marcus Ridder
erGUInomic
Re: einige nichtige Anmerkungen und Fragen
03/12/2004, 11:59
Lieber Herr Reißberg,
zunächst einmal sollten Sie Ihr Licht bzgl. Ihrer Schreibkünste nicht unter den Scheffel stellen. Ich habe Ihren Beitrag mit Freude und Schmunzeln gelesen.
Natürlich sind mir die ernsten Teile auch bewusst geworden und da kann einem in der Tat das Schmunzeln vergehen.
Ich bin der Meinung, dass wir bei der Software-Entwicklung nicht gesondert das Reptil, das Säugetier und den Denker betrachten brauchen. Was sollen wir Modularisieren, wo jeder Mensch diese drei "Komponenten" ganzheitlich benutzt. Selbst die Auswirkungen der drei "Komponenten" werden von der Usability erfasst. Z.B. genügt eine Feststellung aus dem User-Testing, dass das gewählte Interface-Design Stress oder Ratlosigkeit verursacht. Ob dies nun durch das Reptil oder den Denker verursacht wird, ist schnurtz. Oder ist so viel Tiefgang dann nötig? Ich meine nein, andere Meinungen höre ich mir gerne an.
User Experience als ganzheitliche Betrachtung vom Kauf eines Software-Produkts bis zu dessen Deinstallation ist sicherlich wünschenswert. Ich stimme mit Ihnen überein: Für die einzelnen "Disziplinen" sind sicherlich Fachleute notwendig. Für manche Fragen lassen sich preiswerte Lösungen finden:
<Eigenwerbung Anfang>
Wie geben Sie Ihren Wagen in die Inspektion? Denkbar unkompliziert: Sie geben den Wagen bei der Werkstatt ab, sagen was gemacht werden soll, hinterlassen Ihre Telefonnummer für Rückfragen und gehen. Dann holen Sie den Wagen zur vereinbarten Zeit wieder ab. Keine langen Verträge, nur das Unterschreiben einer Auftragsbestätigung.
Ähnliches leiste ich. Sie reichen einzelne Masken oder Dialogsytseme zur Inspektion ein, füllen ein Auftragsformular aus, benennen einen Ansprechpartner, machen ausführliche Angaben zu Rahmenbedingungen in einem entsprechenden Vordruck. Wir checken das Interface-Design, liefern einen aussagekräftigen Bericht zur abgestimmten Zeit zurück. Abgerechnet wird im Viertelstunden-Takt zu äußerst günstigen Konditionen.
<Eigenwerbung Ende>
Vielleicht lassen sich für die anderen Bereiche der User Experience ähnliche Firmen finden. Diese können dann auch punktuell, kurzfristig, unkompliziert und kostentransparent hinzugezogen werden, wenn dies für wichtig erachtet wird.
Ich gebe Ihnen recht, sich einen solchen Stab an Fachleuten zu halten, können sich nur große Firmen leisten, diese Fachleute auch ständig benötigen.
Bzgl. des Zerredens von Themen: Eigentlich sollte sich doch jeder, der sich mit dem Thema Usability befasst, darüber im Klaren sein, dass i.d.R. "nur" eine 80:20 Lösung angestrebt werden kann.
Mit besten Grüßen
Marcus Ridder
3 André Welling
Performantik Webconsulting
Re: User Experience Newsletter #3
03/12/2004, 22:21
Matthias Mueller-Prove schrieb am 01.12.2004, 16:59:
Vereinfacht gesagt leben in uns Reptil, Säugetier und der Denker
Stark vereinfacht, lieber Herr Mueller-Prove, was ist mit dem Weichtier und der Amöbe? Auch diese leben noch "in uns"! Die lebenserhaltende Peristaltik des Darms und das glückhafte Fluten des Orgons sind Errungenschaften und Betriebspläne dieser bescheidenen Geschöpfe. Was ist mit Bauchgehirn und _thymos_? Das heisse Herz ist der kühlen Ratio unzugänglich, aber wer wollte behaupten, dass das Reptil, vulgo die Schlange (Symbol der Weisheit in aufgeklärten Kulturen), Meisterin unserer so unweisen Herzenswallungen ist?
Besser, es gilt ein User Interface zu entwickeln, das mit allen drei Ebenen des Menschen korrespondiert.
Da sind also mehr als "drei Ebenen" des Menschseins. Fünf, oder sieben, vielleicht zwölf. Bei multiplen Persönlichkeiten kompliziert sich die Sache weiter.
ein nacherstadventlicher Gedanke und
Gruß von
~ Andre Welling
4 Gisela Strauss
http://sepiaport.com
Re: User Experience Newsletter #3
05/12/2004, 13:43
Huch,
da Sie nun nach der Erwähnung der Dame das Reptiliengehirn erwähnt haben, bin ich mir wirklich nicht sicher, ob jene diesen Beitrag als Kompliment auffassen darf.
Die Schlange im Paradies der User Experience?
Nein Scherz beiseite, manchmal bin ich auch selbst versucht, bei Adam und Eva zu beginnen, wenn's um UE geht. Aber stehen wir nicht ähnlichen Herausforderungen wie etwa Alessi-Designer gegenüber?
Etwas zu entwerfen dass funktionell ist und auch ein Erlebnis?
Was sind aber die Methoden dieser Leute?
Besinnliche Grüße
Gisela Strauss
5 Christian Meyer
Social-Interface GmbH
Re^2: User Experience Newsletter #3
07/12/2004, 09:04
Liebe diskutierende Mitmenschen,
ich finde die Ansätze von Newsletter und dem Panel sehr interessant und möchte diese noch um eine Kleinigkeit ergänzen:
Wir sollten u.U. auch nicht vergessen, in welcher Branche wir tätig sind und in welchem Sinnzusammenhang unsere lieben Nutzer der Interfaces, die wir produzieren und/oder testen sich befinden. Ich rede von Kommunikation. Denn das Tolle am Menschen ist sicher nicht nur seine multiplen Persönlichkeiten (die ich aus eigenem Erleben auch gerne manchmal nervig finde...), sondern seine einmalige Fähigkeit, Fragen an die Welt zu stellen und zu kommunizieren. Gehirnfunktionen auf einem geistigen Operationstisch zu sezieren, ist zwar sehr cool, aber irgendwie auch weltfremd, denn wir leben alle eingebettet in einem Sinnzusammenhang mit einem Standpunkt, einem Blickwinkel und unseren Zielen, die dazu führen, das wir unsere Systeme, die wir nutzen, fragen. Ich finde es häufig erschreckend, mit welcher Selbstverständlichkeit manche Designer hergehen und annehmen, dass ihre Nutzer Autisten sind.
Liebe User-Experience-Forscher, reduziert uns arme Menschen und damit euch selber nicht nur auf ein paar Gehirnfunktionen, sondern überlegt auch mal zusätzlich, weshalb ihr etwas tut und weshalb der User etwas tut. Und im Zweifelsfalle gibt es eine sichere Methode zum Erlangen von Erkenntniss: das Fragen!
Liebe Gruesse
Christian Meyer
6 J.M. Ruetter
ZweiSteinSoft
Re^3: User Experience Newsletter #3
07/12/2004, 09:29
Ich rede von Kommunikation.
Gute Idee!
Wo ist der Chat? Mit freundlichen Gruß
J.M./ZweiSteinSoft
7 Marcus Ridder
erGUInomic
Re^3: User Experience Newsletter #3
07/12/2004, 09:41
Christian Meyer schrieb am 07.12.2004, 09:04:
Ich rede von Kommunikation. Denn das Tolle am Menschen ist sicher nicht nur seine multiplen Persönlichkeiten (...), sondern seine einmalige Fähigkeit, Fragen an die Welt zu stellen und zu kommunizieren. Gehirnfunktionen auf einem geistigen Operationstisch zu sezieren, ist zwar sehr cool, aber irgendwie auch weltfremd, denn wir leben alle eingebettet in einem Sinnzusammenhang mit einem Standpunkt, einem Blickwinkel und unseren Zielen, die dazu führen, das wir unsere Systeme, die wir nutzen, fragen. Ich finde es häufig erschreckend, mit welcher Selbstverständlichkeit manche Designer hergehen und annehmen, dass ihre Nutzer Autisten sind.
... überlegt auch mal zusätzlich, weshalb ihr etwas tut und weshalb der User etwas tut.
Guten Morgen Herr Meyer,
ich beschäftige mich seit geraumer Zeit mit der methodischen Vorgehensweise bezüglich der Entwicklung von grafischen Interfaces und schwerpunktmäßig damit, was beim Erstentwurf im Kopf eines Designers geschieht. (D.h. welche Informationen müssen dem Designer vorliegen und welche Information führt in welcher Abarbeitungsfolge zu welcher Designentscheidung.)
Eine der unbedingt notwendigen Vorarbeiten für den Interface Designer ist u.a. das Zusammenstellen von Nutzungsszenarien (Nutzungskontextanalyse). Wird Ihre Anregung nicht genau durch diese Phase abgedeckt? Wie sollte Ihres Erachtens konkret vorgegangen werden?
Beste Grüße
Marcus Ridder
8 Christian Meyer
Social-Interface GmbH
Re^4: User Experience Newsletter #3
07/12/2004, 10:39
Nutzungsszenarien sind gut und wichtig. Das erst einmal vorab. Trotzdem kommt es mir so vor, als wenn das nicht reicht. Denn damit werden zwar Annahmen über den Gedankengang und die Intention der Nutzer erstellt, aber es sind eben nur Annahmen. Das Paradigma dahinter ist die Vorwegnahme und das 'Raten' über das Nutzerverhalten.
Wieso fragen die Interfaces nicht einfach die Nutzer an kritischen Punkten, was diese wünschen? Im zwischenmenschlichen Servicebereich ist das auch üblich – stellen Sie sich mal einen Taxifahrer vor, der ohne Nachzufragen einfach losfährt oder ein Kellner, der ohne zu fragen zu raten versucht, was Sie bestellen wollen. Ganz zu schweigen von Bereichen der Informationsbeschaffung oder dem Verkauf. Im wirklichen Leben geht nichts ohne Rückfragen, doch in unseren ach so intelligenten Computern beschränken sich Rückfragen auf "Wollen Sie wirklich diese Datei löschen?".
Sicher breche ich diese Lanze (um das schöne mittelalterliche Bild zu bemühen) mit dem Hintergrund, dass wir u.a. Sprachsteuerung für Interfaces entwickeln und da sieht man häufig, wie unzulänglich die optisch/haptischen GUIs heute noch sind. Und ich wundere mich ebenso häufig, wieso einfache Rückfragen zur Klärung der Nutzer-Intention so selten integriert werden. Wieso werden Auswahlmöglichkeiten nicht als Fragen formuliert? Das ist eher die soziale Art der Kommunikation, die wir Menschen gewöhnt sind und wirkt sehr angenehm auf den Entscheidungsfluss in einer Navigation oder ein Kaufhandlung.
Mir fällt das z.B. angenehm auf, wenn in dem SF-Film Starship Troopers nach jedem News-Beitrag in dem futuristischen Fernsehprogramm gefragt wird "Wünschen Sie mehr Informationen?". Wäre doch schon ein guter Anfang.
9 Marcus Ridder
erGUInomic
Re^5: User Experience Newsletter #3
07/12/2004, 11:45
Hallo Herr Meyer,
puh, bei Ihrem Beitrag "poppen" bei mir direkt viele Assoziationen hoch. Ich versuche diese mal stichpunktartig aufzuführen, um den Rahmen hier nicht zu sprengen.
- System fragt Nutzer
- Kritische Vorgehensweise. Der Anwender soll das System steuern, nicht das System den Anwender. Das aktive Fragen des Anwenders durch das System wäre eine Gratwanderung. Ab wo fühlen sich die Anwender vom System gegängelt? Schwierig. Die Idee finde ich durchaus gut. Und sie ist mit ein Grund, warum meine Homepage zur Zeit immer noch so minimalistisch ist. Ich habe noch nicht den Entwurf (für mich) gefunden, der die Nutzungskontexte in dem Maße abdeckt, wie ich es wünsche. Hier hilft auch nur fragen: und zwar mich persönlich (via Mail oder Telefon).
- Spracheingabe
- Leider ist Sprache so wenig eindeutig. Dann noch die Nuschelei, Sprachbehinderungen oder krasse Dialekte hinzugenommen und das Software-Projekt sprengt jedes Budget. Außerdem ist es bei den Fragen an das System wie mit den Eingaben in Suchmaschinen. Frage ich auch mit den richtigen Stichworten? Ist das Ergebnis – z.B. "leider nichts gefunden" – auch wirklich richtig. Hier ist es besser, wenn das System selbsterklärend anbietet, was es leistet. Bei häufiger Verwendung eines Programms ist es sogar unerlässlich, dass der Anwender eine Funktion direkt ansteuern kann. Haptisch über die Tastatur geht dies dann sogar am schnellsten. Keine Hand-Auge-Koordination, keine Beanspruchung des KZG, sondern reflexartiges Tippen der richtigen Tasten.
Ich finde Ihren Gedankengang dennoch berücksichtigungswert. An den richtigen Stellen integriert ist die Kommunikationsmöglichkeit mit dem System (egal, welche Seite den aktiven Part übernimmt) sicherlich ein Gewinn.
Mit besten Grüßen
Marcus Ridder
10 Christian Meyer
Social-Interface GmbH
Re^6: User Experience Newsletter #3
07/12/2004, 12:10
Gut, dass so viele Assoziationen dazu kommen. Das zeigt, dass Sie darüber nachdenken und die konkreten Assoziationen zeigen auch den Stand der Diskussionen zu diesem Thema auf.
- Thema "Gratwanderung"
- Das trifft immer dann zu, wenn der konkrete Kontext nicht Bestandteil der Frage ist. Überflüssige Fragen ("Wollen Sie wirklich...") entstehen nur dann, wenn der Kontext (der User hat ja schliesslich einen Knopf gedrückt, um etwas auszulösen...) nicht beachtet wird. "Gegängelt" fühlt sich der User ebenfalls nur, wenn sein Sinn-Kontext nicht beachtet wird. Das ist der ganze "Trick" dabei. Wie gesagt, wir sind soziale Wesen, wir fühlen uns gegängelt, wenn jemand unseren Kontext nicht beachtet.
- Steuert das System den Anwender?
- Nein – es interagiert! Und bietet damit Service und Hilfe, deshalb hatte ich auch bewusst "Rückfragen" und nicht "Fragen" geschrieben.
- Fragen an das System sind wie Eingaben in eine Suchmaschine...
- Das trifft auf die schlechteren Beispiele zu. Im Gegenteil: wir entwickeln z.B. Rückfrage-Systeme für semantische Netze an, die genau dann einsetzen, wenn die Suche zu viele Ergebnisse bringt oder nichts findet. Durch eine Rückfrage im Kontext, d.h. unter Beachtung der Suchanfrage des Nutzers, wird die Abfrage dann verfeinert. Sicher kennen Sie die simple Form davon z.B. auf Google, wenn Sie ein Wort in einer Suche falsch schreiben ("meinten Sie nicht eigentlich....?").
- Sprachsteuerung ist aufwendig und hat Probleme beim Nuscheln oder bei Dialekten...
- Das gehört zwar jetzt nicht zum Forum-Thema, aber ich muss hier kurz richtigstellen, dass solche Probleme längst der Vergangenheit angehören. Es gibt auf dem Markt Sprachsteuerung für Autos, die Sprecher-unabhängig sicher erkennen und das unter den hohen Sicherheitsansprüchen der Automobilindustrie. Egal, bei welchem Lärmpegel, egal, ob Bayer oder Ostfriese und die auch z.B. den User erkennen, der das System bereits öfters genutzt hat und entsprechende Shortcuts öffnen, die sogar noch schneller zum Ziel führen, als jedes denkbare Menü. Wir testen da z.B. Situationen, in denen bei hoherm Umgebungslärm (Gehupe in der Innenstadt und schnatternder Beifahrer) eine 8-stellige Telefonnummer eingegeben wird und dann die 5. Stelle korrigiert werden soll oder mal eben "der tolle Song auf der 3.CD im CD-Wechsler, die ich gestern gehört habe" erkannt werden muss. Versuchen Sie sowas mal mit einem GUI...
11 Marcus Ridder
erGUInomic
Re^7: User Experience Newsletter #3
07/12/2004, 14:28
Christian Meyer schrieb am 07.12.2004, 12:10:
Gut, dass so viele Assoziationen dazu kommen. Das zeigt, dass Sie darüber nachdenken und die konkreten Assoziationen zeigen auch den Stand der Diskussionen zu diesem Thema auf.
>>Thema "Gratwanderung": Das trifft immer dann zu, wenn der konkrete Kontext nicht Bestandteil der Frage ist. Überflüssige Fragen ("Wollen Sie wirklich...") entstehen nur dann, wenn der Kontext (der User hat ja schliesslich einen Knopf gedrückt, um etwas auszulösen...) nicht beachtet wird. "Gegängelt" fühlt sich der User ebenfalls nur, wenn sein Sinn-Kontext nicht beachtet wird. Das ist der ganze "Trick" dabei. Wie gesagt, wir sind soziale Wesen, wir fühlen uns gegängelt, wenn jemand unseren Kontext nicht beachtet.
Sorry, ist mir zu pauschal. Um einmal ihr Beispiel aufzugreifen ("Wollen Sie wirklich..."): Zu dem von mir angesprochenen methodischen Vorgehen gehört u.a. das Sammeln sämtlicher Parameter, die für Desingentscheidungen relevant sind. Eine ist z.B. die 'Häufigkeit der Verwendung'. Ein ganz relevanter Faktor. Wird eine Maske nur selten verwendet, kann ein Hinweis auf eine datenkritische Aktion durchaus angebracht sein.
wir entwickeln z.B. Rückfrage-Systeme für semantische Netze an, die genau dann einsetzen, wenn die Suche zu viele Ergebnisse bringt oder nichts findet. Durch eine Rückfrage im Kontext, d.h. unter Beachtung der Suchanfrage des Nutzers, wird die Abfrage dann verfeinert. Sicher kennen Sie die simple Form davon z.B. auf Google, wenn Sie ein Wort in einer Suche falsch schreiben ("meinten Sie nicht eigentlich....?").
Sie beschreiben hier einen ganz konkreten Kontext. In diesem mag das System als "intelligent" auftretender Dialogpartner sehr hilfreich sein. So wenig wie die herkömmlichen Interaktionsmöglichkeiten auf Ihren konkreten Kontext übertragbar sind, so wenig kann auch Ihr Ansinnen auf existierende (bewährte) Zusammenhänge übertragen werden.
>>Sprachsteuerung ist aufwendig und hat Probleme beim Nuscheln oder bei Dialekten... Das gehört zwar jetzt nicht zum Forum-Thema, aber ich muss hier kurz richtigstellen, dass solche Probleme längst der Vergangenheit angehören. Es gibt auf dem Markt Sprachsteuerung für Autos, die Sprecher-unabhängig sicher erkennen und das unter den hohen Sicherheitsansprüchen der Automobilindustrie. Egal, bei welchem Lärmpegel, egal, ob Bayer oder Ostfriese und die auch z.B. den User erkennen, der das System bereits öfters genutzt hat und entsprechende Shortcuts öffnen, die sogar noch schneller zum Ziel führen, als jedes denkbare Menü. Wir testen da z.B. Situationen, in denen bei hoherm Umgebungslärm (Gehupe in der Innenstadt und schnatternder Beifahrer) eine 8-stellige Telefonnummer eingegeben wird und dann die 5. Stelle korrigiert werden soll oder mal eben "der tolle Song auf der 3.CD im CD-Wechsler, die ich gestern gehört habe" erkannt werden muss. Versuchen Sie sowas mal mit einem GUI...
Hört sich super interessant an. Wie verfahren Sie "hinter" der Spracheingabe? Hier muss ja die Interpretation des gesprochenen einsetzen. Geht das nicht Richtung KI?
Beste Grüße
Marcus Ridder
12 Matthias Müller-Prove
Re^8: User Experience Newsletter #3
26/12/2004, 17:34
Liebe Mitglieder des User Experience Forums,
gerne und in aller kürze (hüstel) will ich auf ein paar Punkte der Diskussion eingehen.
Ihr Begriff der Ganzheitlichkeit setzt […] voraus, dass man […] über einen ganzen Stab von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verfügt, die jeweils über eine spezielle Kompetenz verfügen […] 1. Wie soll, wer nicht über konstruktive Mitarbeiterstäbe und auch nicht über Budegets verfügt, um sich solche zu mieten, ganzheitlich vorgehen?
natürlich hat man nicht immer Spezialisten für alle Dimensionen bei der Hand. Um ehrlich zu sein halte ich das auch eher für die Ausnahme als für die Regel. Aber wenn man zwischen Rolle im UI-Design und Mitarbeiter unterscheidet zeigt sich ein Ausweg. Es ist nämlich so, dass ein Fachmann durchaus mehrere Funktionen ausüben kann. Er mag ausgesprochener Experte im Usability-Testing sein, kann aber obendrein auch noch prima in der Requiremnts-Phase Benutzer-Profiles erstellen. Ein Grafik-Designer mag zusätzlich einen Hang zum Marketing haben. Hingewiesen sei an dieser Stelle auf das wunderbare Interview, dass Elizabeth Dykstra-Erickson mit Tog führte:
- E. Dykstra-Erickson (2000). Interview with Bruce Tognazzini. Interactions, 7, (2, March), 41-46.
2. Sind allgemeine Regeln denkbar, an denen man sich im Zweifelsfalle orientiern könnte oder führt das zwangsläufig [dazu,] dass am Ende die Idee […] zerredet wird […]?
Na ja, ich werde hier nicht mal eben die Theorie der HCI zusammenfassen können – leider. Jedoch bin ich neugierig, wie sie sich weiter entwickelt. Insbesondere die Richtungen Joy of User und Emotional Design finde ich sehr vielversprechend.
3. […] Wer hat […] Recht, wenn informationstechnische, ergonomische, sozialwissenschaftliche, pädagogische, juristische und noch viele weitere gute Argumente aufeinander treffen – vor allem, wenn alle davon überzeugt sind, sich am Menschen zu orientieren?
Alle haben recht. Genommen wird dann aber meist der Weg, der praktikabel und wirtschaftlich ist. Nicht außer acht zu lassen ist nämlich die Konkurenzsituation. Wenn alle Handies de facto nicht bedienbar sind, dann muss man sich als Handy-UI-Designer nur ein bisschen anstrengen – nicht einmal 80%, wie Herr Ridder vorschlug – , um einen ergonomischen Vortreil gegenüber den Konkurenten zu erreichen. (Auf der andern Seite sollte man aber 100% anstreben und sich glücklich schätzen, wenn man dann auf 80% kommt.)
Es gab einige Kommentare zu den von mir vorgeschlagenen drei Wesensdimensionen des Menschen: Reptil, Säugetier und Denker. Einerseits von Andé Welling die Anmerkung, dass es doch noch viel mehr wären und andererseits der Kommentar von Herrn Ridder, dass es doch herzlich egal wäre, wieviele es sind.
Über die Anzahl kann man streiten, aber mich verfolgt die Zahl 3. Für meine Diplomarbeit habe ich in den Theorien von Jean Piaget, Jerome Bruner und Alan Kay jeweils drei Stufen des Wesens Mensch ausgemacht. Später dann habe ich mich durch Piet Vroon in die physiologische Entwicklungsgeschichte des Menschen eingelesen und dort (nämlich in unser aller Gehirn) wieder meine 3 Stufen entdeckt: 1) Stamm- und Kleinhirn, 2) das limbische System und 3) den Cortex samt Neo-Cortex.
Der Mensch ist zwar zur Selbstreflexion in der Lage, aber er tut dies nur selten. Meine These ist die, dass der Mensch die Dimensionen seines Wesens eben nicht ganzheitlich benutzt, sondern dass die Zussammenarbeit der Teile nur sehr eingeschränkt funktioniert. Darum ist es auch nicht schnurz, aus welchem Grund ein Produkt bzw. das User Interface abgelehnt wird. Hier liegt nämlich die Quintessenz zur Lösung des jeweiligen Problems.
Hat nun Herr Meier den Stein der Weisen gefunden, indem er auf die Kommunikation hinweist?
Das Fragen der und Kommunizieren mit den Benutzern ist meiner Meinung nach keine sichere Methode. Es ist eine wichtige Methode, aber mit dem Gespräch allein läßt man für das UI-Design Wichtiges außer acht. Benutzer lügen uns an. Nicht absichtlich. Nicht böswillig. Aber sie sind Menschen. Ihnen sind gewisse Sachverhalte einfach nicht rational zugänglich, im wortwörtlichen Sinne: unbewußt.
- Abschließend eine Anekdote aus dem Cockpit-Design.
- Wenn sich ein Flugzeug in unvorteilhafter Flugbahn einem Hindernis nähert, beispielsweise einem Berg oder einem anderen Flugzeug, dann ertönt eine akustische Warnung: „Pull up!“
- Piloten vernahmen das Kommando und überlegten, was zu tun … CRASH
- Im verbesserten Design ertönt nun das Kommando: „Pull up! Don’t think! Pull up!“
in diesem Sinne Matthias Müller-Prove
13 Gisela Strauss
http://sepiaport.com
Re^9: User Experience Newsletter #3
27/12/2004, 19:34
Hallo Herr Müller-Prove,
[das ist ja eine absolute] Goldmine an UE-Schriftstücken. Vor allem Ihr Artikel über Star/Open Office 6 Seiten, 62 KB klingt sehr viel versprechend. Auf diese Lektüre freue ich mich schon.
Guten Rutsch gleichfalls an alle Forumsmitglieder Mit besten Grüßen
Gisela Strauss
14 Matthias Müller-Prove
Re^10: User Experience Newsletter #3
25/02/2005, 11:25 am
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